„Feste Pausenzeiten gibt es keine!“

Ein Gespräch mit dem Rettungssanitäter Philipp über Arbeitsbedingungen und dem Kampf für Verbesserungen

Du bist Rettungssanitäter. Der Beruf ist mit großen Belastungen verbunden. Woraus resultieren diese?

Ich glaube wir sollten unterscheiden zwischen Belastungen, die in der Art des Berufes liegen – wie zum Beispiel der Umgang mit menschlichem Leid und gesellschaftlichen Abgründen, Schichtdienst oder Ähnlichem – das ist grundsätzlich so und lässt sich nicht ändern. Was aber zu ändern ist, sind die Rahmenbedingungen, damit wir mit diesen Belastungen besser umgehen können.

Auf der anderen Seite gibt es Belastungen, die künstlich geschaffen worden sind. Da fallen mir zum Beispiel die langen Dienste auf den Rettungsmitteln ein. Ein Rettungswagendienst geht in der Regel 12 Stunden. Feste Pausenzeiten gibt es keine. Wenn wir Pech haben, bedeutet das an einem einsatzstarken Tag 12 Stunden durchgängig zu arbeiten und dazu kommen dann vielleicht sogar noch Überstunden.

Im Krankentransport sieht die ganze Sache ähnlich aus. Auch da gibt es keine festen Pausenzeiten. Was es dort so ärgerlich macht, ist die Tatsache, das Krankentransport im Gegensatz zur Notfallrettung planbar ist, also Pausen durchaus möglich wären und dennoch gibt es keine.

Kolleginnen und Kollegen aus dem Krankentransport berichten, dass es üblich ist, die Schichten durchgehend zu arbeiten, was bei 12 Stunden absolut bedenklich ist. Es kann sich jeder vorstellen, wie anstrengend es sein kann, 12 Stunden Auto zu fahren bzw. PatientInnen zu betreuen. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass bis vor Kurzem noch eine 48-Stundenwoche galt, was bedeutet, dass beispielsweise im Rettungsdienst vier 12-Stundendienste pro Woche problemlos möglich waren. Nicht zu vergessen sind die Dienste, die zusätzlich für kranke Kolleginnen und Kollegen übernommen werden müssen.

Wie äußert sich der Stress bei den KollegInnen?

Viele Kolleginnen und Kollegen frustrieren, stumpfen ab und suchen sich andere Berufe. Was sehr schade ist, da es schon schwer genug ist, die Dienstpläne aufrechtzuerhalten. Manche macht der Stress auch sprichwörtlich krank.

Hat Eure Arbeitssituation Auswirkungen auf Euch persönlich?

Auf jeden Fall: Aufgrund der hohen zeitlichen Arbeitsbelastungen ist es sehr schwierig ein gutes Privatleben zu führen. Gerade das ist in solchen Berufen aber wichtig. Wir erleben viel Leid und teilweise auch skurrile Geschichten, die alle sehr anstrengend sein können. Um sich davon zu erholen und gesund zu bleiben ist ausreichend Zeit zur Regeneration unglaublich wichtig. Leider haben wir die oft genug nicht.

Woher kommt der enorme Druck auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der RettungssanitäterInnen?

Das Grundübel ist zurzeit ganz klar das Ausschreibungsmodell im Rettungsdienst in Sachsen. Alle fünf Jahre bewerben sich private Anbieter und Hilfsorganisationen darum, Rettungsstellen zu betreiben und liefern sich dabei einen harten Wettbewerb. In diesem Wettbewerb geht es darum möglichst wirtschaftlich zu sein. Doch wo will man im Rettungsdienst sparen? Beim Personalbestand und den Löhnen. Dabei spielt der arbeitgeberfreundliche DHV eine unschöne Rolle.

Aufgrund dessen, dass ein Anbieter immer nur einen Vertrag für 5 Jahre bekommt, hat er auch gar kein Interesse in den Rettungsdienst zu investieren. Er weiß ja schließlich nicht, ob er die nächste Ausschreibung gewinnt. Ein aktuelles Beispiel ist die Weiterbildung der Rettungskräfte zu Notfallsanitäterinnen und -sanitätern. Die Übergangsfrist endet in Dresden in etwa zur gleichen Zeit, zu der auch eine neue Ausschreibung beginnt. Die Konsequenz ist, dass viele Rettungsdienste viel zu spät und und dann völlig unzureichend mit der Weiterbildung begonnen haben.

Wie wollt Ihr dem entgegenwirken?

Gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di fordern wir die Rekommunalisierung der Rettungsstellen im Land Sachsen. Das würde die untragbare Ausschreibungspraxis beenden. Außerdem hätten dann die Rettungssanitäterinnen und -sanitäter endlich Anspruch auf Bezahlung nach TVöD, was ihre Entlohnung wesentlich verbessern würde.

Ihr habt begonnen Euch zu organisieren. Was geschieht bei Euch?

Bis jetzt gelten bei uns Tarifverträge, die zwischen der Arbeitgeberseite und dem Deutschen Handlungsgehilfenverband (DHV) vereinbart wurden. Der ist aber sehr arbeitgeberfreundlich. Das werden wir nicht mehr hinnehmen. Wir wollen unsere Interessen selbst vertreten und wir möchten auch entscheiden mit welcher Gewerkschaft wir das tun.

Außerdem mussten wir erkennen, dass unsere Interessen weder bei den Leistungserbringern, wie DRK oder Malteser, die sich auf die Ausschreibungen bewerben; beim Amtsleiter der Berufsfeuerwehr, der die Hoheit über den Rettungsdienst hat; oder bei den regierenden Parteien (sehr negativ ist uns dort die SPD aufgefallen) irgendetwas wert sind. Deshalb gehen wir jetzt den gewerkschaftlichen Weg, weil wir wissen, dass niemand unsere Interessen besser vertreten kann als wir selbst.

Inzwischen seid Ihr auch den Weg eines Arbeitskampfes gegangen. Wo steht Ihr da im Moment?

Wir haben im letzten Jahr einen längeren Arbeitskampf hinter uns gebracht, den wir dank unseres hohen Organisationsgrades von 70 Prozent auch effektiv führen konnten. Als Zwischenergebnis haben wir einen Vorschalttarifvertrag ausgehandelt, der neben finanziellen Verbesserungen auch 4 Stunden weniger Arbeitszeit pro Woche vorsieht. Jetzt ist unser Ziel, einen vollumfänglichen Ver.di-Tarifvertrag auszuhandeln, worüber in Kürze die Verhandlungen weitergehen werden.

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