„Ich bin über die Jahre in einen Burnout gerutscht.“

Ein Gespräch mit Susanne, einer ehemaligen Krankenschwester, beschäftigt in der Helios-Klinik in Borna und der Uni-Klinik in Leipzig

Du bist nach einer längeren Pause in Deinen Beruf als Krankenschwester zurückgekehrt. Was hatte sich verändert?

Meine Pause vom stationären Betrieb betrug etwas mehr als zehn Jahre. Zwischendurch hatte ich ab und zu als Pflegekraft oder als Praxishelferin gearbeitet. Beim Wiedereinstieg in den stationären Betrieb war die gravierendste Änderung die enorme körperliche Belastung. Die erste Zeit hatte ich den Eindruck, dass ich die Arbeit körperlich nicht bewältigen werde.

Als ich aufgehört hatte auf Station zu arbeiten waren wir im Nachtdienst für 12 Intensivbetten zu dritt zuständig. Dazu kam oft noch eine Schwesternschülerin oder ein Pflegeschüler. Als ich wieder anfing hatte sich die Personalzahl um die Hälfte verringert. Es war ganz üblich, dass wir im Nachtdienst bis zu sechs Intensivpatientinnen und -patienten allein betreut haben.

Es war einfach viel zu viel Arbeit für eine Person. Ich dachte immerzu, man schafft das gar nicht. Wir sind sehr viel gelaufen, sind ganz schnell gegangen und haben schnell gegessen.

Wir haben oft allein gebettet und dabei schwere Patientinnen und Patienten mit Beatmungsschläuchen gewendet.

Viele Schwestern und Pfleger klagen immer wieder über Stress. Wie äußerte sich der auf Station?

Das äußerte sich in einem enorm hohen Krankenstand. Wir hatten mitunter täglich eine Krankmeldung, was dann wieder die anderen Pflegekräfte kompensieren mussten. Betten wurden nicht gesperrt und neues Personal gab es einfach nicht. Man konnte also auch nicht einfach so nein sagen, wenn man geholt wurde, weil man ja wusste, wie es aussah.

Bei den Krankmeldungen ging es nicht nur um Grippe, sondern um Burnout oder psychische Erkrankungen. Das war das Ergebnis dieses enormen Stresses.

Auf welche Weise versuchten die KollegInnen mit dem Stress klarzukommen?

Man macht nur noch das Nötigste, für mehr reicht die Zeit nicht. Das heißt, die Pflegequalität ist schlecht. Man kann Hygienestandards nicht einhalten, zum Beispiel die Händedesinfektion vor und nach jedem Patientenkontakt.

Ein anderes Beispiel ist das Waschen eines Intensivpatienten. Dazu gehört immer auch ein Verbandswechsel und ein Wechsel aller Schläuche. Außerdem muss man das Bett neu beziehen. Gerade bettlägerige Patientinnen und Patienten müssen ordentlich gelagert werden, damit sie sich nicht so schnell wund liegen.

Das ist ein Aufwand von zwei bis drei Stunden. Aber eigentlich hatte man nur eine halbe Stunde Zeit. Da kann man sich ausrechnen, was man da schafft. Man hat dann eben nur fünf Minuten gewaschen und schlecht abgetrocknet.

Hatte diese Arbeitssituation Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den Beschäftigten?

Das hatte schlimme Auswirkungen: Man kann seine Arbeit nicht so gut machen, wie man es sich wünscht. Also haben die KollegInnen sich manchmal gegenseitig schlecht geredet, um selbst besser dazustehen. Wir haben uns sogar auf dem Gang angeschrien oder PatientInnen angemault. Die waren davon oft frustriert und deren Angehörige haben uns beschimpft. Das ist ein Teufelskreis.

Auch das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten einerseits und dem Pflegepersonal andererseits war von all dem belastet. Wir haben uns über unsinnige Anweisungen aufgeregt. Dabei war das Problem oftmals nicht, dass die Anweisungen unsinnig waren, wir hatten nur zu wenig Personal, um all das zu schaffen.

Entweder man hat Glück und landet auf einer Station, auf der das Klima noch etwas besser ist und wo man sich auch noch gegenseitig hilft oder man hat Pech. An der Uni-Klinik beispielsweise ist die Fluktuation sehr hoch. Da kann das Team gar nicht richtig zusammenwachsen und darunter leidet die Kollegialität.

Welche Auswirkungen hatte diese Situation auf Dich?

Ich bin über die Jahre hinweg in einen Burnout gerutscht, weil ich immer versucht habe allem gerecht zu werden und meine Arbeit gut zu machen. Ich kam nicht damit klar, dass ich die Pflege nicht befriedigend machen konnte. Ich konnte nicht so oft einspringen wie es erwartet wurde, das hat mich fertig gemacht.

Ich bin alleinerziehend und wenn ich am Wochenende nicht einspringen konnte, weil ich mich da um mein Kind gekümmert habe, dann habe ich oft den Vorwurf zu hören bekommen, ich sei unkollegial, weil jetzt wieder andere KollegInnen einspringen müssten.

Irgendwann war ich so am Ende, dass ich meine sozialen Kontakte vernachlässigt habe. Ich habe meinen Haushalt nicht mehr bewältigt und konnte irgendwann nicht mehr arbeiten gehen. An diesem Punkt habe ich mich in psychiatrische Behandlung begeben müssen.

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